Bevor Mose das Volk Israel aus Ägypten führte, kamen die 10 Plagen über das Land. Diese resultierten aus der Verweigerung des Pharao, das Volk ziehen zu lassen. Ursprünglich ging es dabei nur um eine dreitätige Reise in die Wüste. Israel sollte Gott dort ein Fest halten. Zu diesem Zeitpunkt ging es noch gar nicht um einen endgültigen Auszug Israels aus Ägypten. Der Pharao verweigerte jedoch diese Bitte und erschwerte darüber hinaus noch die Zwangsarbeit des Volkes, (2. Buch Mose, Kapitel 5/1-4).

Noch bevor Moses zurück nach Ägypten zog, um das Volk aus der Gefangenschaft zu führen, prophezeite Gott, dass der Pharao sich weigern wird, das Volk ziehen zu lassen. Gott war entschlossen, ein Exempel an Ägypten zu statuieren und die Weigerung des Pharao diente als Anlass. Die allgemeine Lesensart ist, dass Gott das Herz des Pharao verhärtete und dieser nun die Rolle des (unfreiwilligen?) Bösewichtes einnehmen musste, damit Gott seinen Plan vollziehen kann.

Aber ich will das Herz des Pharao verhärten, damit ich meine Zeichen und Wunder im Land Ägypten zahlreich werden lasse. Und der Pharao wird nicht auf euch hören, sodass ich meine Hand an Ägypten legen und mein Heer, mein Volk, die Kinder Israels, durch große Gerichte aus dem Land Ägypten führen werde. Und die Ägypter sollen erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich meine Hand über Ägypten ausstrecke und die Kinder Israels herausführe aus ihrer Mitte.

2. Mose 7/3-5

Hatte der Pharao gar keine Wahl?

Im folgenden Abschnitt möchte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern der Pharao für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden kann. Teilweise kann der Eindruck bestehen, dass der Pharao eine willenlose Marionette in Gottes Hand war. Dies diente dann zum Anlass für Gott, seine Macht an Ägypten zu erweisen und das Land zu zerstören. Doch ist diese Sichtweise wirklich zutreffend? Wir beginnen mit der Analyse zu dieser Frage am Anfang des Wirkens des Pharao.

Da kam ein neuer König auf über Ägypten, der nichts von Joseph wusste. Der sprach zu seinem Volk: Siehe, das Volk der Kinder Israels ist zahlreicher und stärker als wir. Wohlan, lasst uns kluge Maßnahmen gegen sie ergreifen, dass sie nicht zu viele werden; sie könnten sonst, wenn sich ein Krieg erhebt, womöglich zu unseren Feinden übergehen und gegen uns kämpfen und aus dem Land ziehen! Darum setzte man Sklaventreiber über sie, um sie durch Lasten zu bedrücken; und sie bauten dem Pharao die Vorratsstädte Pitom und Ramses. Je mehr sie aber [das Volk] bedrückten, desto zahlreicher wurde es, und desto mehr breitete es sich aus, sodass ihnen vor den Kindern Israels graute. Darum zwangen die Ägypter die Kinder Israels mit Gewalt zum Dienst, und sie machten ihnen das Leben bitter mit harter Zwangsarbeit an Lehm und Ziegeln und mit allerlei Feldarbeit, lauter Arbeiten, zu denen man sie mit Gewalt zwang.

2. Mose 1/8-14

Wie wir hier sehen können, war es der Pharao, welcher ohne Not Maßnahmen gegen Israel ergriff, da er sich vor dem Volk fürchtete. Wir erinnern uns an dieser Stellen noch einmal daran, dass zuvor Joseph ganz Ägypten vor dem sicheren Untergang bewahrte. Darüber hinaus war es auch Joseph, welcher dem vorherigen Pharao alle Reichtümer Ägyptens zukommen lies.

Und Joseph brachte alles Geld zusammen, das im Land Ägypten und im Land Kanaan gefunden wurde, für das Getreide, das man kaufen musste; und Joseph brachte das Geld in das Haus des Pharao.

1. Mose 47/14

Der neue Pharao dankte all dieses damit, dass er Israel in die Sklavenarbeit zwang. Doch die Unterdrückung des Volkes sollte hier nicht enden. Als diese Maßnahme nicht zum erwünschten Ergebnis führte, ging der Pharao noch sehr viel weiter.

Und der König von Ägypten redete mit den hebräischen Hebammen, von denen die eine Schiphra, die andere Pua hieß, und er sprach: Wenn ihr die Hebräerinnen entbindet, so seht auf der Stelle nach; wenn es ein Sohn ist, so tötet ihn, ist es aber eine Tochter, so lasst sie leben!

2. Mose 1/15-16

Da gebot der Pharao seinem ganzen Volk und sprach: Werft alle Söhne, die [ihnen] geboren werden, in den Nil; aber alle Töchter lasst leben!

2. Mose 1/22

Wie wir hier sehen können, hat der Pharao grausamste Maßnahmen gegen Israel verhängt und schreckte auch vor einem massenhaften Kindermord nicht zurück. Der Pharao fürchtete um seine Macht, da Israel sich stetig vermehrte. Es gab jedoch gar keinen Grund zur Sorge, da Israel zuvor seine Loyalität zum Pharao unter Beweis stellte (s. Joseph). Darüber hinaus hat das Volk auch sonst keinerlei Anlass dazu gegeben, als Bedrohung wahrgenommen zu werden.

Gott sendet Mose zurück nach Ägypten

Die Hand Pharaos wog schwer auf Israel und Gott erhörte die Rufe seines Volkes. Mose, welcher zuvor im Haus des Pharaos aufwuchs, wurde mit der Aufgabe betraut, Israel aus Ägypten zu führen.

Und nun siehe, das Geschrei der Kinder Israels ist vor mich gekommen, und ich habe auch ihre Bedrängnis gesehen, wie die Ägypter sie bedrücken. So geh nun hin! Denn ich will dich zu dem Pharao senden, damit du mein Volk, die Kinder Israels, aus Ägypten führst!

2. Mose 3/9-10

Zu diesem Zeitpunkt wusste Gott bereits, dass der Hochmut des Pharao dazu führen würde, dass er sich Gottes Willen widersetzen wird.

Aber ich weiß, dass euch der König von Ägypten nicht ziehen lassen wird, auch nicht durch eine starke Hand.

2. Mose 3/19

Die Aussage Gottes ist in diesem Kontext eher als eine Prophetie zu verstehen. Gott weiß um die Herzenshaltung des Pharao und er weiß, dass dieser sich seinem Willen widersetzen wird. Der Pharao hat durch seine Schreckensherrschaft über Israel bewiesen, dass er keinerlei Wohlwollen gegenüber Israel verspürt. All die zuvor beschriebenen Gräueltaten inkl. des massenhaften Kindermordes begann der Pharao aus freien Stücken. Er entschied sich für diese Vorgehensweise, denn bisher gab es keinerlei Erwähnung darüber, dass der Pharao von Gott dazu angeleitet wurde. Gottes prophetischer Ausspruch zur Verhaltensweise des Pharao wurde letztendlich auch bestätigt.

Danach gingen Mose und Aaron hinein und sagten zu dem Pharao: So spricht der Herr, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, damit es mir in der Wüste ein Fest hält! Der Pharao antwortete: Wer ist der Herr, dass ich auf seine Stimme hören sollte, um Israel ziehen zu lassen? Ich kenne den Herrn nicht, und ich will Israel auch nicht ziehen lassen!

2. Mose 3/18-19

Der Pharao widersetzt sich dem Willen Gottes und beschwert darüber hinaus das Gottesvolk mit Bedrückung, Sklavenarbeit und Gefangenschaft. Dies alles vor dem Hintergrund, dass Ägypten sein Überleben und seinen Reichtum Gott zu verdanken hat, in dem er das Land durch Josef vor der Verheerung durch sieben Hungerjahre bewahrte. Wir halten also fest, die Einstellung des Pharaos gegenüber Israel war keinesfalls neutral oder gar wohlwollend, sondern viel mehr im höchsten Maße feindselig.

Gott bestärkt die bereits vorhandene Herzenshaltung des Pharao

Und der Herr sprach zu Mose: Wenn du wieder nach Ägypten kommst, so achte darauf, dass du vor dem Pharao all die Wunder tust, die ich in deine Hand gegeben habe. Ich aber will sein Herz verstocken (אֲחַזֵּ֣ק= “Achasek” “Ich werde stärken / stark machen”), dass er das Volk nicht ziehen lassen wird.

2. Mose 4/21

Daran sehen wir, dass Gott nicht das Herz des Pharao verstockte, vielmehr war der Pharao schon feindlich eingestellt gegenüber Israel und Gott bestärkte ihn in diesem Bestreben, um ein Exempel an den Pharao und seinem Volk zu statuieren. Das Wort “Achasek” wird hier mit “ich werde verstocken” übersetzt. Ich würde dieses Wort eher mit stärken bzw. bestärken der bereits vorhandenen Herzenshaltung übersetzten. Diese Lesensart unterscheidet sich deutlich von der Idee, dass der Pharao als willenlose Marionette eingesetzt wurde.

Der folgende Vers dient als Beispiel dafür, dass Gott sehr wohl das Herz des Pharao erschwerte/verstockte.

Aber ich will das Herz des Pharao verhärten (אַקְשֶׁ֖ה / “Akscheh”=”Ich werde erschweren”) damit ich meine Zeichen und Wunder im Land Ägypten zahlreich werden lasse.

2. Mose 7/3

Es gibt jedoch auch andere Verse, wo der Pharao selbst sein Herz verstockte bzw. erschwerte in seiner bereits vorhandenen feindseligen Herzenshaltung.

Und jeder warf seinen Stab hin, und es wurden Schlangen daraus; aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe. Doch das Herz des Pharao verstockte sich (יֶּחֱזַק֙ “Jechesak”= hier ist die Rede davon, dass die “Verstockung/Stärkung” der Herzenshaltung vom Herz bzw. vom Pharao selbst ausging) und er hörte nicht auf sie, so wie der Herr es gesagt hatte.

2. Mose 7/12-13

An diesen Beispielen können wir sehen, dass Gott den Menschen seine Entscheidungen frei wählen lässt. Wenn der Mensch sich jedoch dazu entschlossen hat, bewusst gegen Gott zu agieren, kann es zu einem Punkt kommen, wo Gott den Menschen in dieser Einstellung sogar noch bestärkt.

Der Herr behütet den Fremdling; er erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen lässt er verkehrte Wege gehen.

Psalm 146/9

Darum wird ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung senden, sodass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt haben, sondern Wohlgefallen hatten an der Ungerechtigkeit.

2. Thessalonicher Brief 2/11-12

Fazit

Sowohl der Pharao aus dem 2. Buch Mose, als auch alle anderen Menschen, wurden von Gott mit einem freien Willen ausgestattet. Gott lässt einen jeglichen Menschen auch gemäß seiner eigenen Entscheidungen agieren. Es gibt natürlich eine gewisse Einschränkung zur freien Willensausübung, da jede Entscheidung unabwendbare und absolute Konsequenzen nach sich ziehen wird. Dies gilt eingeschränkt für das irdische Leben und uneingeschränkt für die Zeit des Gerichts vor dem Thron Yeshuas.

Der Pharao war demnach keine willenlose Marionette in Gottes Händen. Seine Feindseeligkeit gegenüber Israel begann schon sehr viel früher, indem er Israel in die Sklavenarbeit zwang und auch vor einem Massengenozid nicht zurückschreckte. All dieses geschah, ohne dass Israel als Volk den Pharao zuvor provoziert hätte. Vielmehr konnte aufgezeigt werden, dass all der große Reichtum Ägyptens insbesondere Joseph zu verdanken war.

Gott machte sich somit nur eine bereits vorhandene Einstellung des Pharaos zu Nutzen und statuierte ein Exempel an ihm und seinem Volk. Begonnen hat die Feindschaft zuvor jedoch beim Pharao selbst. Im späteren Verlauf der Ereignisse kam es dann tatsächlich dazu, dass Gott den Pharao in seinem Handeln sogar noch bekräftigte. Dies geschieht zumeist dann, wenn die Schwelle zur Buße überschritten wurde und die Möglichkeit der Umkehr wiederholt nicht genutzt wurde.