Shalom,

Dem Thema der Familie wird in der Bibel viel Bedeutung zugemessen. In dieser Ausführung möchten wir uns auf den Aspekt der spirituellen Familienzugehörigkeit im Glauben an Yeshua konzentrieren.

Aus dem biblischen Verständnis ist der Begriff von Familie nicht ausschließlich auf die leibliche Familie begrenzt. Der Begriff Mutter oder Vater, ist aus einer biblischen Sichtweise vor allem mit einer Funktion verbunden und darüber hinaus auch mit einer Abstammungslinie. 

Rolle und Funktion der Eltern

Das hebräische Wort für Vater ist Av  = אב (aleph und bet, Hebräisch wird von rechts nach links gelesen). Die Bedeutung dieser beiden Buchstaben wäre „Stärke“ = א, „des Hauses“ = ב. Die Funktion eines Vaters besteht demnach darin, sein Haus zu leiten, zu schützen und zu versorgen. Ein gutes Beispiel zu diesem Konzept finden wir im Buch der Richter in Kapitel 17. Dort spricht Micha einen durchreisenden Leviten an, welcher jünger war als er selbst,

Richter Kapitel 17, Vers 9-10:

„Da fragte ihn Micha: Wo kommst du her? Er antwortete ihm: Ich bin ein Levit von Bethlehem Juda und bin unterwegs, um mich dort als Fremdling niederzulassen, wo ich [etwas Geeignetes] finde! Da sprach Micha zu ihm: Bleibe bei mir! Du sollst mir Vater und Priester sein; ich will dir jährlich zehn Silberlinge und Bekleidung und deinen Unterhalt geben! Und der Levit ging hinein.“

Obwohl der Levit nicht der leibliche Vater von Micha war, wurde er von ihm als solcher Bezeichnet, weil er sich spirituelle Leiterschaft erhoffte. Genau das ist die Funktion, welche ein Vater einnehmen sollte. Somit ist es durchaus denkbar, dass ein Freund, Bruder oder auch Gemeindeleiter in gewissen Situationen, die Funktion eines Vaters übernimmt, auch ohne dass eine leibliche Verwandtschaft vorliegen muss. Auf der anderen Seite wird niemand durch die Zeugung eines Kindes zum Vater, wenn er nicht Willens oder in der Lage ist auch die Rolle und Funktion eines Vaters wahrzunehmen.

Das fünfte Gebot besagt, dass wir Vater und Mutter ehren sollen. Dies gilt sowohl für unsere leiblichen Eltern als auch für Personen, welche diese Rolle anhand ihrer Funktion einnehmen.

So lesen wir im 1. Thimotheusbrief 5/17:

„Die Ältesten, die gut vorstehen, sollen doppelter Ehre wert geachtet werden, besonders die, welche im Wort und in der Lehre arbeiten.“

Älteren und erfahrenen Geschwistern (im Glauben), welche darüber hinaus wohlmöglich noch eine leitende Position im Dienst bekleiden, soll mit Respekt und Ehrfurcht begegnet werden. Natürlich muss immer geprüft werden, ob die Weisungen und Ratschläge, welche ältere Brüder oder auch unsere Eltern uns geben, im Einklang mit dem geschriebenen Wort stehen.

Im weiteren Verlauf werden wir uns noch einmal mit der Frage beschäftigen, wie das fünfte Gebot in Bezug auf unsere leiblichen Eltern anzuwenden ist. Insbesondere dann, wenn die leiblichen Eltern oder Verwandte sich wohlmöglich gar nicht in der Nachfolge des Gottes Israels befinden.

Doch zuerst wollen wir einen Blick darauf werfen, welche Definition Maschiach Yeshua von seiner Familie hat. Im Matthäus Evangelium Kapitel 12, Vers 46-50 lesen wir folgendes:

„Während er aber noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wollten mit ihm reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden! Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Seht da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter!“

Noch deutlicher wird dieses Konzept in Lukas, Kapitel 14, Vers 26:

„Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter, seine Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein.“

Das Wort hassen im og. Vers ist eher im Kontext von erwählen oder bevorzugen zu verstehen. Wir sollen Yeshua und seine Ratschlüsse sowie seine Nachfolge als oberste Priorität in unserem Leben verankern. Ein Beispiel wäre, dass ein Familienmitglied uns z.B. darum bittet am Shabbat bei einem Umzug zu helfen. In solch einem Fall sollen wir die Nachfolge Gottes über die Belange unserer Verwandten oder Freunde stellen. Dies heisst jedoch nicht, dass wir grundsätzlich unserer Familie die Unterstützung und Hilfe versagen sollen. Allerdings muss es immer im Einklang mit den Geboten unseres Schöpfers sein. Die Pflege von kranken Menschen auch am Shabbat, stellt wiederum keinen Bruch des Shabbats dar. Dies sind dienste, welche sehr wohl  am Shabbat erlaubt sind. Yeshua macht dies an mehreren Stellen deutlich, als er am Shabbat Menschen heilte.

Wir konnten jetzt schon etablieren, wer als unsere geistige Familie zu sehen ist, nämlich alle Menschen, welche Gott nachfolgen und seine Gebote befolgen. Die Bibel gibt uns auch einige Hinweise darauf, wie wir innerhalb der geistigen Familie miteinander umgehen sollen.

Hebräerbrief Kapitel 13, Vers 1-2:

„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe! Vernachlässigt nicht die Gastfreundschaft; denn durch sie haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Johannes Kapitel 13, Vers 34-35:

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

Philipperbrief Kapitel 2, Vers 3-4:

„Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auf das des anderen.“

Kolosserbrief Kapitel 3, Vers 8 und Vers 12-13:

„Nun aber legt auch ihr das alles ab – Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung, hässliche Redensarten aus eurem Mund. So zieht nun an als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Langmut; ertragt einander und vergebt einander, wenn einer gegen den anderen zu klagen hat; gleichwie Maschiach euch vergeben hat, so auch ihr.”

 

Ehre Vater und Mutter

Zum Schluss möchte ich noch mal auf ein paar praktische Aspekte eingehen in Bezug auf das Gebot, dass wir Vater und Mutter ehren sollen. Wie bereits erwähnt, sind aus hebräischer Sicht die Begriffe Vater und Mutter nicht ausschließlich auf unsere leiblichen Eltern begrenzt. Doch wie sollen wir uns unseren leiblichen Eltern gegenüber verhalten, insbesondere dann wenn sie sich gegen den Wandel und die Nachfolge des Glaubens entschieden haben? Es kann z.B. passieren, dass unsere Eltern von uns verlangen, ihnen am Shabbat bei einer Arbeit zu helfen oder das wir sie an einem heidnischen Festtag (z.B. Weihnachten oder Ostern) besuchen sollen. Im 5. Buch Mose Kapitel 12, Vers 29-31 lesen wir, dass wir Gott nicht gemäß den Bräuchen und Gewohnheiten der Heiden anbeten sollen. Wir sollen uns von solchen Dingen gänzlich fernhalten.

Wir geben unseren Eltern keine Ehre, indem wir mit ihnen heidnische Feste feiern, welche Gott ein Gräuel sind. Daher wäre eine Teilnahme an solch einer Veranstaltung keine Option. Vielmehr sollten wir bemüht sein, sie über die Ursprünge und Hintergründe aufzuklären, wenn das möglich ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, welcher zu Verwerfungen führen kann ist das Thema der Eheschließung. Ich möchte folgendes Szenario etwas näher betrachten:

Ein gläubiger Single Mann und eine gläubige Single Frau würden gerne den Bund der Ehe miteinander schließen, jedoch verweigert der Vater der Frau seine Zustimmung.

Grundsätzlich muss der potenzielle Bräutigam den Vater der Braut um Erlaubnis bitten, seine Tochter zur Frau nehmen zu dürfen. Im 1. Buch Mose, Kapitel 24 lesen wir, dass der Knecht von Abraham bei dem Vater von Rahel vorsprach ob sie die Ehefrau von Isaack werden könne. Im 2. Buch Mose Kapitel 22/16 lesen wir, dass ein Vater es verwehren kann, jemanden seine Tochter zur Frau zu geben.

Wie ist es nun in dem og. Szenario zu sehen? Die Gebote der Torah gelten nur für Israel und diejenigen, welche sich in das Bundesvolk haben einpfropfen lassen, durch das Blut Yeshuas. Die Torah beinhaltet sowohl Rechte als auch Pflichten. Eines dieser Rechte besagt, dass ein Vater sein Einverständnis geben muss, wenn seine Tochter einen Mann heiraten möchte. Dies gilt jedoch nur für den Fall, dass der Vater auch ein Glaubensbruder ist, welcher seine Tochter torahgemäß erzogen hat. Demnach wäre seine Tochter eine Jungfrau, welche noch im Haus ihres Vaters wohnt.

Wenn all das erfüllt ist, dann wäre es ihm in der Tat vorbehalten, seine Einwilligung zu verwehren. In so einem Fall wäre zu klären, welche Gründe gegen eine Hochzeit sprechen und inwiefern dahin gehend Abhilfe geschaffen werden könnte.

Doch in der Regel sind diese Voraussetzungen gar nicht unbedingt gegeben. Das Recht des Vaters, einem potenziellen Bräutigam, die Einwilligung zur Ehe mit seiner Tochter zu verweigern, ist ein Gebot aus der Torah. Davon kann nur Gebrauch gemacht werden, wenn der Vater in seinem Wandel und Glaubensleben nach den Geboten Gottes lebt.

Sollten diese Voraussetzungen nicht gegeben sein, dann wäre das Paar nicht an dem Willen des Vaters gebunden. Eine Hochzeit ist dann auch gegen seinen Willen möglich, falls keine Möglichkeit besteht eine gütige Einigung zu erzielen. Dies sollte jedoch als letzte Maßnahme angesehen werden, wenn alle anderen Versuche, eine einvernehmliche Lösung zu finden gescheitert sind.